Günter Kühn im Gespräch

Erfahrungen eines Bremers in Berlin

Günter Kühn, Jahrgang 1934, ist Wissenschaftlicher Direktor i. R., Historiker und Germanist,
Autor und Herausgeber diverser Publikationen zum Themenbereich Migration und Integration.




Lieber Herr Kühn, vielleicht können Sie sich noch daran erinnern: Was war Ihr erster Kontakt, Ihre erste Impression, als Sie das Stadtgebiet von Berlin zum ersten Mal betraten? Und wann genau war das?

Meinen ersten Kontakt mit Berlin hatte ich als elfjähriger Junge, als meine Familie Mitte August 1945 aus Gleiwitz / Oberschlesien ausgewiesen wurde und wir uns auf den Weg nach Berlin machten, weil Verwandte dort wohnten. Diese Reise nahm die Form einer Odyssee an, die mich mein Leben lang verfolgte: Nach vierzehn Tagen erreichten wir Berlin, irrten bei der vergeblichen Suche weitere vierzehn Tage durch die Stadt, um schließlich in Spandau in einen leeren Güterzug der britischen Besatzungsmacht zu steigen, der uns in den Westen nach Bremen bringen sollte, wo wir eine entferntere Verwandte anzutreffen hofften.

Auf unseren Wegen sahen wir erschütternde Bilder einer weitgehend zerstörten Stadt: Reste von Häuserreihen und größeren Gebäuden, Straßen voller Schutt und Trümmer sowie zerstörtes Kriegsgerät. Es war der Ausklang eines Infernos.


Bremer kommen oft aus rein beruflichen Gründen nach Berlin - ohne die Stadt im Vorfeld genauer kennengelernt zu haben. War das bei Ihnen ähnlich? Mit welchen Aufgaben sind Sie beim Deutschen Entwicklungsdienst / DED in Berlin gestartet?

Als ich viele Jahre später - nämlich 1969 - mit meiner Frau und meiner kleinen Tochter nach Berlin zog, erlebte ich eine Stadt, die mich kaum noch an die Kindheitseindrücke erinnerte. Mich nahm ein "neues Berlin" gefangen, das zwar als eine Insel von einer Mauer umgeben, aber im Wiederaufbau begriffen war.

Es waren jedoch rein berufliche Gründe, die mich nach Berlin führten. Seit 1965 arbeitete ich in Bad Godesberg beim DED als Referent bei der Vorbereitung von Entwicklungshelfern. Zu dieser Zeit zog die Zentrale nach Westberlin um. Ich unterhielt bereits zahlreiche dienstliche Kontakte zu Berliner Institutionen, daher bat mich die Geschäftsleitung, nach Westberlin zu wechseln, um die Leitung des dortigen Büros und der Ausbildungsstätte für Entwicklungshelfer zu übernehmen sowie den Umzug vorzubereiten.

Der Berliner Busfahrer (Dienstleister) gilt als leicht "grantig". Hatten Sie auch derartige Erlebnisse in der Kommunikation mit den Einheimischen / Berlinern?

Ich habe mir im Verlauf meines Lebens angewöhnt, Bus oder Straßenbahnfahrer/innen beim Einstieg immer freundlich zu begrüßen, was meist erwidert wird. Daran, dass sich mir gegenüber jemand ausgesprochen "grantelig" verhalten hat, kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Im Übrigen ging unlängst in den Medien die Nachricht durch die weite Welt, dass die Wiener ihren höflichsten Busfahrer gewählt haben. Und Sie werden es nicht glauben: Es handelte sich um einen zugereisten Berliner!

Waschechten Berlinern wird gern nachgesagt, dass sie eine "Berliner Schnauze" besitzen, mit der sie ihren Mitmenschen alles mit einer gewissen Schnoddrigkeit, Überheblichkeit und Schlagfertigkeit kundtun. Dabei sollte man aber berücksichtigen, dass dies "mit Herz" geschieht. Geselligkeit und Hilfsbereitschaft sind weitere bemerkenswerte Eigenschaften, die man häufig in Berlin antrifft. Außerdem tragen Berliner einem selten etwas nach, so meine persönliche Erfahrung.

Möglicherweise resultieren diese Verhaltensweisen auch aus der wechselhaften Geschichte, die den Berlinern und ihrer Stadt widerfahren ist - mit dem mehr oder weniger militaristischen Regiment preußischer Kurfürsten und Könige, mit einer recht eitlen kaiserlichen Herrlichkeit sowie mit einem nationalsozialistischen Regime, das den Bürgern wie in kaum einer anderen deutschen Stadt nur Tod und Verderben brachte. Die Nachkriegszeit mit Blockade und Mauerbau brachte den Berlinern ebenfalls keine geschichtliche Phase ruhiger und friedlicher Lebensführung.


Die Themen Entwicklungshilfe und Migration spielen in Ihrer Biografie eine große Rolle. Können Sie uns ein, zwei Episoden aus der Zeit Ihrer praktischen und wissenschaftlichen Tätigkeit in diesen Bereichen schildern?

Von einigem Interesse könnte eingangs die Frage sein, warum ich mich mein ganzes Leben lang mit diesen Themen beschäftigt habe. Mein Aha-Erlebnis hatte ich in dieser Hinsicht während meines Aufenthalts 1962/63 in Damaskus / Syrien, wo ich als Lektor an der Universität und als Dozent am Goethe-Institut Studenten und einheimischen Sprachlehrern die deutsche Sprache vermittelte.

In diesen Jahren untersuchte dort eine Gruppe junger deutscher Ingenieure die Rahmenbedingungen für den Bau eines Euphrat-Staudamm-Projekts unter deutscher Beteiligung und ich konnte oft an ihrer Projektarbeit teilnehmen. Auf einer Reise nach Assuan / Ägypten lernte ich die praktische Umsetzung eines derartigen Großprojektes kennen: Mit sowjetischer Hilfe wurde das Staudammprojekt am oberen Nilverlauf realisiert. Ich durfte die gewaltigen Baumaschinen der Sowjets bewundern und fragte erstaunt den Hotelportier, was denn die unzähligen weißen Punkte bedeuteten, die sich in den steilen Felswänden am Staudamm bewegten. Es waren ägyptische Fellachen, die mit einem Lendenschurz bekleidet an einem Seil hingen und mit Hacken den Steilwänden die nötige Glätte verliehen. Seitdem habe ich nie wieder danach gefragt, wie die Pyramiden mit bloßer Menschenkraft zustande gekommen sind. Und so habe ich technische und personelle Entwicklungshilfe in internationaler Zusammenarbeit lebensnah kennengelernt, was mich mein Leben lang nicht loslassen sollte.

Die fachliche und wissenschaftliche Unterstützung der beruflichen und sozialen Eingliederung von nach Deutschland zugewanderten Ausländern und deutschen Aussiedlern wurde eine der zentralen Aufgaben während meiner über 25-jährigen Tätigkeit beim Bundesinstitut für Berufsbildung in Berlin. Irgendwie fühlte ich mich zu dieser Aufgabe durch mein eigenes Schicksal hingezogen, entscheidend waren allerdings Erfahrungen, die ich in Syrien gemacht hatte: Ich begleitete einen österreichischen UN-Beauftragten in Flüchtlingslager von Palästinensern in Jordanien und im Libanon. Dort herrschte ein menschenunwürdiges Elend, das durch die internationale Hilfssendung nur dürftig gelindert werden konnte. Vor allem die Kinder und Jugendlichen litten an Unterernährung und Krankheiten. Um ihnen eine Lebensperspektive zu eröffnen, wurden u.a. mit deutscher Unterstützung Schulprojekte realisiert und berufliche Ausbildungsstätten eingerichtet.


Berlin gilt als Schmelztiegel der Kulturen. Dieser Trend hat sich in Folge des Mauerfalls und nach dem Milleniumswechsel weiter verstärkt. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der interkulturellen oder globalen Verflechtung - auch vor dem Hintergrund der Fluchtbewegungen vor Krieg, Hunger und Armut?

Seit dem Fall der Mauer und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat sich Berlin zu einer liberalen und internationalen Stadt entwickelt, zu einer Metropole mit globaler Ausstrahlung. Touristen strömen zu Millionen in die Stadt und die Zahl vor allem junger Menschen aus aller Welt, die aus unterschiedlichen Gründen nach Berlin streben, ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Dementsprechend nimmt der Ausländeranteil bzw. die Zahl der Berliner Bürger mit ausländischen Wurzeln zu. Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen im Verein mit Not und Drangsal für die Zivilbevölkerung haben im Vorderen Orient, speziell in Syrien, sowie in Nord- und Zentralafrika zu einer Massenflucht nach Europa, vornehmlich nach Deutschland mit einer Million Flüchtlinge im letzten Jahr geführt. Rund 80.000 von ihnen fanden bisher eine Zuflucht in Berlin. Solange kein Frieden in den betroffenen Regionen einkehrt, ist weiterhin mit einem Massenexitus der dort noch verbliebenen Bevölkerung zu rechnen.

Es dürfte eigentlich nicht überraschen, dass in Anbetracht dessen die Bundesrepublik Deutschland zu einem Einwanderungsland und zu einem Zufluchtsort mit einer multikulturellen Gesellschaftsstruktur geworden ist. Dies trifft in besonderem Maße auf Berlin zu, in dessen Straßen und Quartieren Menschen verschiedener Ethnien und unterschiedlicher Herkunft flanieren und das Bild einer kulturellen Vielfalt vermitteln, deren Vertreter bislang in Eintracht und Frieden zusammenleben. Der jährliche Karneval der Kulturen in Berlin ist ein Ausdruck für ein friedliches Miteinander. Dieses positive Bild sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es grundlegende religiös/weltanschaulich bedingte Differenzen zwischen Juden und antisemitischen Muslimen gibt sowie zwischen Muslimen, Juden und Deutschen. Vor allem die Gewalt deutscher Rechtsradikaler gegen Muslime, insbesondere gegen die eintreffenden Flüchtlinge aus den Krisenregionen, hat ein nicht mehr zu akzeptierendes Ausmaß angenommen, dem mit allen verfügbaren rechtlichen Mitteln entgegengetreten werden sollte.

Mit Bezug auf die Eingangsfrage und unter Berücksichtigung der geschilderten Verhältnisse würde ich Berlin nicht gern als "Schmelztiegel der Kulturen" bezeichnen. Für mich stellt sich die grundsätzliche Frage, ob sich unterschiedliche Kulturen verschmelzen lassen. In Berlin handelt es sich derzeit eher um einen Zustand, der bildlich gesprochen einem Mosaik gleicht. Was erreicht werden sollte ist eine Angleichung an die rechtlichen und soziokulturellen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik Deutschland, die eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration darstellen und die bestimmt werden von den Lebensvorstellungen einer modernen aufgeklärten Gesellschaft westlicher Prägung und demokratischer Verfasstheit, deren staatstragende Basis das Grundgesetz ist.


Berlin ist eine Millionenstadt im Herzen Europas. Für die OSZE waren Sie Wahlbeobachter in einigen Krisenregionen des Kontinents. Wenn Sie das Europa von damals mit dem Europa von heute vergleichen: Stehen wir heute besser, gereifter da oder gilt eher das Gegenteil?

Ich kann Ihnen ein knappe und eindeutige Antwort geben: Es ist das Gegenteil von dem eingetreten, was eigentlich in der europäischen Politik als allgemeines politisches Ziel deklariert worden ist: Ein immer enger zusammenwachsendes Europa. Stattdessen nehmen die zentrifugalen, national bis nationalistisch gesinnten Kräfte in den einzelnen europäischen Mitgliedsstaaten zu, die entweder eine tiefgreifende Reform in Richtung eines losen Staatenverbundes fordern oder sogar jegliche europäische Unionsbindung strikt ablehnen. Sie stellen mittlerweile eine existenzielle Gefahr für den Fortbestand der Europäischen Union dar.
Sie fragten nach meinen Eindrücken, die ich als Wahlmanager in den ersten zwei Wahlen im Kosovo und als Wahlbeobachter in Mazedonien gewonnen habe. Ich hatte in der Tat die Gelegenheit, über freie demokratische Wahlen und die Zukunft Europas zu sprechen. Bei den einheimischen jüngeren Mitarbeitern herrschte teilweise eine euphorische Stimmung vor. Das Team der Wahlkommission bestand aber vornehmlich aus politisch sehr versierten Personen, die sich im internationalen Bereich engagierten. In abendlichen Diskussionen stellten sich bei ihnen je nach Landeszugehörigkeit und politischer Orientierung immer wieder unterschiedliche Positionen und Visionen zum Thema Europa heraus, wie sie gegenwärtig wieder zum Tragen kommen. Für mich ist es heute eine Bestätigung, dass es noch einer breiten Diskussion über die Zukunft Europas bedarf.


Sie sind in Bremen zur Schule gegangen und aufgewachsen. Wenn Sie Bremen mit drei Begriffen beschreiben sollten, welche wären das?

Ich habe in meinem Buch "Eine Kindheit und Jugend zwischen Krieg und Frieden" beschrieben, wie prägend der an sich kurze Lebensabschnitt in Bremen für mich gewesen war: Nach einem schrecklichen Krieg und der Vertreibung endete unsere lebensgefährliche Odyssee in dem sicheren Hafen der Freien Hansestadt Bremen, wie wir es damals empfunden haben. Als ich dann zum ersten Mal vor dem Roland stand und mich fragte, was es mit ihm für eine Bewandtnis hätte, erfuhr ich, dass dieser gepanzerte Jüngling das mittelalterliche Symbol freier Reichsstädte war. Da Bremen Hansestadt war und seine Bürger einen Sinn für Handel und Gewerbe besaßen, bauten sie Schiffe, siedelten eine verarbeitende Industrie für eingeführte Produkte an oder fingen Fisch in der nahen Nordsee unddem Atlantik. Ich selbst habe noch miterlebt, wie eine ansehnliche Heringsflotte in der Lesummündung ankerte und ihr Fang direkt am Ufer in einer Fischfabrik verarbeitet wurde.

Städtisch-bürgerliche "Freiheit und Unabhängigkeit" hat sich Bremen bis auf den heutigen Tag insofern bewahrt, als es nach dem Zweiten Weltkrieg bei der föderalen staatlichen Neuordnung Westdeutschlands gemeinsam mit Hamburg für sich den Status einer Freien Hansestadt durchsetzte. Als hanseatisches Kennzeichen der wirtschaftlichen Tätigkeit der Stadt und seiner Bürger gelten weiterhin Handel und Gewerbe. Der ehrbare hanseatische Kaufmann und der geachtete Bremer Hafen- und Werftarbeiter sind m.E. bis in die Gegenwart als berufliches Markenzeichen erhalten geblieben. Und mit Stolz und hanseatischem Selbstbewusstsein identifizieren sich die Bremer Bürger auch heute noch mit ihrer Stadt.


Die gleiche Fragestellung wie für Bremen würde uns auch für Berlin interessieren!

Wie keine andere deutsche Stadt wurden Berlin und seine Menschen von den Ereignissen der jüngsten Geschichte gezeichnet. Berlin ist aber seit jeher eine Stadt in ständiger Veränderung, gegenwärtig sogar voller Kreativität und pulsierendem Leben. Dies geht derzeit so weit, dass die lokale Politik und Administration nicht immer Schritt halten kann, sehr zum Ärger ihrer Bürger.

Es ist für mich erstaunlich, wie gelassen die Berliner sowohl existenzielle Ereignisse der Gegenwart aufnehmen als auch die teilweise entsetzlichen Geschehnisse der Vergangenheit ertragen haben. Wie es sich zeigt mit viel Geduld sowie gelegentlich auch Fatalismus, einiger Distanz und Berliner Humor, der gewürzt ist mit einem Schuss Sarkasmus. Wenn ihm allerdings etwas nicht passt, sagt er es frei und direkt heraus. Ich vermute, dass dies ihm den Ruf der "Berliner Schnauze mit Herz" eingebracht hat. In der Reihe dieser Aufzählung darf sein eigenwilliger Lokalpatriotismus nicht vergessen werden. Hertha bedeutet ihm viel, FC Union alles. Ohne die "Berliner Luft" kann er eigentlich nicht leben, selbst wenn sie kontaminiert ist. Und so singt er immer noch gern "Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft". Dieser Gesang ist ihm zur zweiten Nationalhymne geworden.

Berlin, im Juni, Juli 2016